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Das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt ist ein Verbundsystem, das zur Zeit aus dem Altenpflegeheim und einer angrenzenden Altenwohnanlage besteht.
Im Zuge der Sanierung des Altenpflegeheimes soll der Verbund eine Erweiterung erfahren, in dem neue Leistungsmodule hinzu gefügt werden.
Das Altenzentrum wird traditionell jüdisch geführt, was im Alltag des Heimes konkret erlebbar ist.
Das Jüdische Leben konzentriert sich auf drei Schwerpunkte:
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Alle drei Aspekte des Jüdischen Lebens sind eng miteinander verwoben und ihre aktuelle kulturelle Bedeutung und das Besondere und Einzigartige daran sind eng verknüpft mit der für das Jüdische Volk tragischen deutschen Geschichte.
Das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt ist das größte seiner Art in Europa.
Das religiöse Leben Die Regeln des Jüdischen Lebens im Heim sind bindend für die Bewohner und die Mitarbeiter des Zentrums. Ein Schwerpunkt des Jüdischen Lebens im Heim konzentriert sich auf die Bewahrung der Jüdischen Tradition, die ihren besonderen Ausdruck in der Einhaltung der Jüdischen Feiertage und in der Achtung des Schabbat findet.
Die Bewahrung der Tradition hat gerade für die alten Menschen einen hohen Stellenwert bezüglich des emotionalen Erlebens von Bindung und Geborgenheit.
Zur Tradition gehört auch die Einhaltung der Kaschrut-Gesetze, die eine nach religiösem Ritus vorgeschriebene Zubereitung der Speisen bestimmen. Die Bestimmungen beziehen sich auf die Mischung von Speisen und Zeiten, die ein-gehalten werden müssen zwischen den Mahlzeiten.
Die Küche des Heimes steht unter der Aufsicht des Rabbinats. Ein Maschgiach ist ständig im Heim anwesend. Er kontrolliert die Speisen und er ist darüber hinaus für die Gestaltung des religiösen Lebens im Heim zuständig. Wöchentlich finden G“ttesdienste in der heimeigenen Synagoge statt und zwar jeden Freitag und jeden Samstag. Am Freitag wird nach dem G“ttesdienst - nach jüdischem Brauch - zum Kiddusch eingeladen, oder es wird ein warmes Abendessen im Speisesaal angeboten.
Der Maschgiach ist gleichzeitig der jüdische Kultusbeauftragte und als solcher lehrt er den Mitarbeitern die Regeln des Jüdischen Lebens und ihre Beachtung.
Er ist zuständig für seelischen Beistand, wenn Bewohner dies wünschen, er spricht die Gebete mit den Sterbenden und er besucht Bewohner im Krankenhaus in Abstimmung mit den Sozialarbeiterinnen.
Der jüdische Leiter des Hauses ist eine weitere Säule des traditionellen Jüdischen Lebens im Heim.
Die Jüdische Sozialarbeit
Sozialarbeit ist im Jüdischen Altenzentrum nicht nur eine Profession, sondern eine Berufung. Dementsprechend leisten alle Mitarbeiter unabhängig von ihrer jeweiligen Stellung im Betrieb Sozialarbeit, sobald sie in Kontakt mit den Heimbewohnern treten. Das Verständnis von Zedakah (Gerechtigkeit) und „Gemilut Chassadim“ (Barmherzigkeit, Menschlichkeit) prägen das Milieu.
Die Grundsätze der Jüdischen Sozialarbeit gehen auf die Gebote der Thora zurück.
Dort wurde der Umgang mit den Armen und Schwachen festgelegt. Besonders schutzbedürftig waren Witwen, Waisen und Fremde.
Zunächst sagt das biblische Recht etwas über die Abgabe des Zehnten, ein Gebot, das für alle und für jede Art des Erwerbs gilt. Der Zehnte war für die Opfergabe an G“ott bestimmt. Später wurden Anteile daraus für die Lewijim bereitgehalten, die den Dienst im Stiftszelt und später im Tempel zu tun hatten. Sie waren auserwählt und zugleich mit dem Gebot belegt, keine eigenen Felder zu haben. Die Gemeinschaft unterstützte sie aus den G“ttesgaben, die sie dann auch zu teilen hatten mit den Armen und Schutzbedürftigen. (Numeri 18, Deuteronomium 14) Zedakah bedeutet „Unterstützung der Armen“ und stammt von dem Wort Zedek ab, das Gerechtigkeit bedeutet. Die materielle Unterstützung der Armen stellt die Gerechtigkeit her. Die frühen Gebote waren stark an den damaligen Existenzbedingungen orientiert. Die Abgabe der Güter bezog sich im wesentlichen auf Nahrungsmittel, auf Tiere (Erstgeburt) und die „Früchte des Feldes“. So sollte nie ein Feld vollständig abgeerntet werden. Die Überreste blieben für die Armen und Fremden, die das Recht zur Nachlese hatten, ohne dabei auf Almosen angewiesen zu sein. Damit sollte ihnen ihre Menschenwürde erhalten bleiben.
Neben dem Begriff der Zedakah ist ein weiterer Begriff des Judentums die „Gemilut Chassadim“, die Mildtätigkeit, die von Barmherzigkeit und Herzensgüte geleitetet ist. Gegeben werden soll einmal im Sinne der Gerechtigkeit und zum anderen aus Barmherzigkeit.
Neben Zedakah hat die jüdische Krankenpflege eine lange Tradition.
Die Pflege und Betreuung der Kranken wurden schon vor der christlichen Zeitrechnung von der sogenannten „CHAWERIM“(Freunde) übernommen, eine Organisation, aus der heraus sich in der Diaspora die Bruderschaften der „CHEWRA KADDISCHA“ entwickelten „(Heilige Bruderschaft“ die neben anderen mildtätigen Handlungen für die rituelle Waschung und Vorbereitung der Toten zuständig ist
Im 12. Jahrhundert stellte der jüdische Philosoph Moses ben Maimon (Maimonides) die Regeln der modernen Jüdischen Sozialethik auf.
Er nennt acht Regeln des Helfens, die alle mit der Gabe von Geld oder materiellen Gütern zu tun haben. Die unterste Stufe ist die, dem Bedürftigen widerwillig und mit Unfreundlichkeit etwas zu geben, ohne sich weiter darum zu kümmern, was er damit und daraus macht. Die höchste Stufe ist die, ihm soviel zu geben, dass er ein selbständiges Leben aufbauen kann und zukünftig unabhängig von Almosen leben kann.
Diese Regeln haben bis heute die jüdische Sozialarbeit und mehr noch das Empfinden der Menschen geprägt. In der Entwicklungsgeschichte (nach 1945) des Jüdischen Altenzentrums war gerade der Gedanke, von Almosen des deutschen Staates abhängig zu werden, für die Betroffenen unerträglich. Zedakah war somit eine praktische Verpflichtung für die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt und ihre Repräsentanten, die sich darin ausdrückte, das Altenzentrum über Jahrzehnte hinweg aus Mitteln der Gemeinde zu subventionieren mit dem Ziel, die Pflegesätze niedrig zu halten und damit die betroffenen Menschen unabhängig von Almosen bzw. von der Sozialhilfe des deutschen Staates zu machen.
Eine grundlegende Veränderung trat mit der Einwanderung jüdischer Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion ein, was die Gemeinde vor neue Aufgaben und Heraus-forderungen stellte.
Diese Entwicklung war zeitgleich mit der Verknappung der staatlichen Zuschüsse für Soziale Arbeit, was für die Gemeinde bedeutete, daß sie ihre Mittel in die Integration der großen Anzahl der Zuwanderer lenken musste.
Die Situation verschärfte sich noch einmal nach der Einführung der Pflegeversicherung.
Im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde braucht Zedakah heute wie zu allen Zeiten die Vollendung durch „Gemilut Chassadim“, durch die Barmherzigkeit, weil Verfolgung und Vernichtung viele Bewohner des Heimes in Einsamkeit zurück-gelassen haben.
Deshalb hat Sozialarbeit im Jüdischen Heim zwei Ausrichtungen:
Einmal orientiert sie sich konzeptionell und methodisch an den Regeln der Professionalität. Die Methoden und Instrumente sind am aktuellen Stand der theoretischen Erkenntnisse der Sozialarbeit als Wissenschaft ausgerichtet.
Zum anderen hat Sozialarbeit im Jüdischen Altenzentrum eine erweiterte Aufgabe, die sich nicht in materiellen Gefügen wiederfindet und schon gar nicht in der Systemlogik des SGB XI. Im Jüdischen Altenzentrum muß Sozialarbeit für viele alte Menschen die Familie ersetzen.
Viele. Bewohner haben keine Angehörigen, weil sie ermordet wurden.
Viele Bewohner haben Angehörige, die nicht in der näheren Umgebung oder sogar im Ausland leben.
Die knapp bemessene Zeit der Pflegekräfte reicht nicht aus, um das zu ersetzen, was Familie und Heim bedeuten. Der Besuch im Krankenhaus, die Versorgung mit Wäsche, Kontakt zu Ärzten halten, sich kümmern und besorgt sein, haben die Menschen nötig, die nur das Heim als Familie haben. Sie brauchen seelischen Beistand und eine kontinuierliche Begleitung bei der Bewältigung ihrer traumatischen Vergangenheit, die immer wieder ihre Erinnerung heimsucht.
Beistand in persönlichen Krisensituationen, Sterbebegleitung und der Gang zum Friedhof sind fester Bestandteil der Aufgaben der Sozialarbeit im Heim.
Für die russisch sprechenden Heimbewohner, die häufig vergleichbare, vielfach aber auch ganz andere Lebenserfahrungen haben, bleibt die Notwendigkeit, seitens der Sozialarbeiter und der Mitarbeiter in der Pflege und der Verwaltung, ihnen ihre neue Umgebung vertraut zu machen, ihnen die Regelungen und Gesetze zu erklären, die ihnen fremd sind, genauso wie die Sprache ihres Aufnahmelandes.
Diese „weichen“ Anteile der Tätigkeit der Sozialarbeit im Jüdischen Altenzentrum finden sich nicht wieder in den 4 Kategorien und 21 Verrichtungen, die nach § 14 SGB XI als Leistungen, die sich in der Bemessung des Pflegesatzes niederschlagen, anerkannt werden.
Mikrokosmos einer zerstörten Kultur
Im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt leben ca. 170 alte Menschen.
Für die Mehrzahl der Bewohner ist die deutsche Sprache nicht die Muttersprache.
100 Bewohner haben ihren Ursprung in Osteuropa.
Eine auf einen Stichtag bezogene Aufstellung der Bewohner nach Herkunft und Muttersprache ergibt folgendes Bild:
64 Bewohner kommen aus den GUS-Staaten
22 Bewohner haben vor der Shoa in Polen,
7 in Rumänien,
5 in der Tschechoslowakei und
2 in Ungarn gelebt.
Um den kulturellen Mikrokosmos des Lebens im Heim abzubilden, möchten wir an dieser Stelle die zerstörte Kultur des Ostjudentums ins Blickfeld rücken, die ihr traditionelles kulturelles und religiöses Zentrum im Schtetl hatte.
Die Schtetlach waren die Zentren der typischen ostjüdischen Lebensform.
In ihrem Inneren entwickelte sich die typisch ostjüdische Kultur als prägendes Milieu, das sich bis zum Sieg des Kommunismus in der Sowjetunion in ganz Osteuropa erhalten hat. Diese typische jüdische Lebensform überlebte in Polen bis zum 2. Weltkrieg. Mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen und der Umsetzung des Vernichtungsprogrammes des NS-Regimes wurde diese Kultur vollständig zerstört.
In der Sowjetunion und in Teilen Polens lebte die jüdische Bevölkerung auch außerhalb der zugewiesenen Ansiedlungsrayons in urbanen und großstädtischen Zentren. Sie waren dort beteiligt am kulturellen und wirtschaftlichen Leben, das auch von Teilen der jüdischen Bevölkerung mitgestaltet wurde.
Dennoch blieb die typische jüdische Lebensform des Schtetl lange Zeit prägend auch für diejenigen, die dieser Sozialstruktur geistig und kulturell entwachsen waren. Bis heute wirkt dieses Milieu in den Erinnerungen der jüdischen Heimbewohner, die aus Osteuropa stammen, es prägt ihr Traditionsbewusstsein und ist Bezugspunkt für Deutungen zentraler Lebenserfahrung und es bleibt sinnstiftend.
Aus ganzheitlicher Sicht betrachtet spiegelt die Bewohnerstruktur des Heimes die vielfältigen, differenzierten und hoch komplexen jüdischen Milieus.
Das ostjüdische ist allerdings mit all seiner Vielfalt das prägende.
Der geistige, religiöse und kulturelle Ursprung dieser kulturellen Vielfalt ist das Schtetl. Die verbindende Sprache war dort und ist heute im Heim immer noch das Jiddische, in der die Gefühle und die Seele ihre Heimat haben. Jiddisch hat bis heute im Heim überlebt. Im Jüdischen Altenzentrum ist bis heute das Jiddische die Brücke zwischen den Menschen mit unterschiedlicher Herkunft. Die Sprache ist nach wie vor identitätsstiftend und wer sie spricht gehört mit Sicherheit zu „AMCHA“ (meinem Volk“)
Wenn das Jiddische die Heimat der Seele war, so waren die Schtetlach die Zentren des jüdischen Lebens.
Schtetlach waren jüdische Ansiedlungen, die in zugewiesenen Ansiedlungsrayons entstanden und die alle typische Merkmale hatten. Ein Schtetl konnte groß oder klein sein, es war kein Ghetto, sondern ein jüdisches Zentrum in einer nichtjüdischen städtischen oder ländlichen Umgebung. Typisch für dieses Zentrum war das eigenständige, geschlossene Sozialsystem. Ein Schtetl hatte (von der Größe anhängig) einen Friedhof, ein Gebetshaus, das auch der kommunikative Mittelpunkt war und eine Mikwe (rituelles Badehaus). Die größeren Schtetlach verfügten über eine entwickelte Infrastruktur mit mehreren Gebetshäusern und Synagogen, sie hatten jüdische Schulen und Ausbildungsstätten, bis hin zu eigenen Innungen. Das wirtschaftliche Leben im Schtetl war geprägt vom Handwerk und den Kleingewerbetreibenden. Das religiöse Leben war ausgeprägt, bis hin zur Entwicklung einer eigenen Orientierung, dem Chassidismus. Die ausgeprägte Sozialstruktur gab den Menschen Schutz vor den verschiedenen Angriffen von außen, denen sie nur durch den Zusammenhalt und das Festhalten an ihrer Religion und Kultur begegnen konnten.
Dieses Leben barg sowohl Anpassungsfähigkeit an die Umwelt, als auch ein Festhalten an Traditionen ins sich. (Quelle, Andrea Ehrlich „ Das Schtetl“, München 1995)
Der kurze Einblick in die Sozialstruktur einer zerstörten Kultur soll das Verständnis und das Mitgefühl dafür entwickeln helfen, was die überlebenden Menschen durch die Vernichtung ihres Volkes verloren haben, außer ihren nahen Angehörigen. Sie haben eine intakte Gemeinschaft verloren, ein religiöses Leben und den Lebensraum für ihre eigene, vielfältige Kultur.
Wir möchten hier die Ausführungen beenden und indirekt einen Heimbewohner zu Wort kommen lassen mit der Vorstellung seiner Biographie, die einen typischen Lebensverlauf darstellt.
Biographische Skizzen des Heimbewohners Herrn L.
Herr L. ist heute über 90 Jahre alt. Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Schtetl in einer Gemeinde in der Nähe von Lodz in Polen geboren. Die Familie hatte ihr Auskommen bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater starb. Herr L. war damals 17 Jahre alt und von diesem Zeitpunkt an musste er für den Lebensunterhalt seiner Mutter und seiner drei Geschwister sorgen. Er wurde Kaufmann und bewältigte diese Herausforderung mit großem Erfolg. Im Jahr 1937 heiratete er eine Frau, die noch heute in seiner Erinnerung wunderschön und jung ist. 1939 wurde sein Sohn geboren, ein kluges, aufgewecktes Kind. 1941 wurde Herr L. gemeinsam mit vielen Männern aus seinem Schtetl von den Deutschen deportiert. Er kam in das Konzentrationslager Auschwitz. Dort blieb er bis zum Jahr 1945. Als die Ostfront immer näher rückte, wurden die Gefangenen des Lagers auf den sogenannten Todesmarsch geschickt. Herr L. hatte die Jahre in Auschwitz hart gearbeitet und die Tortur überlebt. Der Marsch wurde mitten in einem eiskalten Winter angetreten. Unter unvorstellbaren Bedingungen wurden die Gefangenen quer durch Deutschland getrieben. Herr L. machte Zwischenstation in fast allen Konzentrationslagern, bis er in Dachau ankam. Noch heute weiß er den Tag, die Stunde und die Minute der Befreiung des Lagers. Er sieht noch den farbigen amerikanischen Soldaten vor sich, der den Gefangenen die Befreiung verkündete. Alle haben geweint, niemand konnte mehr lachen. Während des Todesmarsches erlitt Herr L. schwere Schäden an seinen Füßen, die fast erfroren waren. Nach der Befreiung kam er in ein katholisches Krankenhaus und wurde dort gepflegt, so dass er – trotz der bleibenden Behinderung – wieder laufen konnte. Während des Marsches durch Deutschland war er im Konzentrationslager Oranienburg vorbeigekommen und hatte dort seinen Cousin getroffen. Dieser war mit ihm der einzige Überlebende seiner Familie. Herr L. kam gemeinsam mit dem Cousin in ein Lager für Displaced Persons. Von dort machten sie sich im Jahr 1947 auf den Weg nach Polen, um nach dem Rest der Familie zu forschen. In ihrer Gemeinde zeigte ihnen ein Pole das Massengrab, in dem alle Juden des Schtetl begraben waren, die nicht deportiert wurden. Herr L. erfuhr, wie seine Frau, sein Sohn, seine Mutter, seine Schwestern und die anderen Verwandten umgebracht worden waren.
Die Deutschen hatten Waggons gebaut. Die Menschen mussten sich nackt ausziehen, wurden in die Waggons gedrängt. Die Türen wurden geschlossen und Abgas hineingepumpt. Begraben worden seien viele, bevor sie tot waren, berichtete der Pole; das Grab hätte sich noch lange bewegt.
Nach seiner Rückkehr aus Polen ging Herr L. nach Israel. Dort bemerkte er bald, dass er hier nicht würde leben können. Das Klima war ihm zu heiß, das Leben zu fremd.
Er kam wieder nach Deutschland. Er und sein Cousin bemühten sich um ein Visum für die Vereinigte Staaten. Der Cousin war gesund geblieben; er durfte ausreisen; Herr L. musste in Deutschland bleiben.
Er wurde wieder ein guter Geschäftsmann, aber ein Familienleben konnte er sich nicht wieder aufbauen. Herr L. hat nicht wieder geheiratet, seine junge Frau und sein Kind konnte er nicht vergessen. Bis heute spricht er nur Jiddisch. Die Deutschen kann er nicht verstehen; immer wieder fragt er sich, wie sie „SO ETWAS“ tun konnten, Frauen und Kinder ermorden und so viele Menschen einfach vernichten?
Seit 2 Jahren lebt er im Heim. Auf die Frage, wo seine Heimat sei, antwortet er, das Heim sei seine Heimat, sonst habe er nichts.
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